Probleme mit der Tabelle sfg . Sigmund Freud Gesellschaft, Wien
 
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2012-06-25 Berggasse 19 – die lückenhafte Marke


   
  Berggasse 19 – die lückenhafte Marke

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  Das Freud Museum in Wien ist an einer der prominentesten Adressen der Welt zu Hause. Außer „Downing Street 10“ fällt einem spontan nicht bald einmal eine ähnlich prominente „Adressmarke“ ein. „Berggasse 19“ klingt schon selbst wie ein Roman, und die Aura der Adresse und der mit ihr verbundenen Assoziationen von „Wien um 1900“, der „Wiener Moderne“, der Pionierzeit nicht nur der Psychoanalyse, sondern auch des Empiriokritizismus, des Rationalismus, der Gestaltpsychologie, der Zwölftonmusik, der modernen Literatur, der Stadtplanung und Architektur, und wahrscheinlich noch mehr – funktioniert für das Haus Berggasse 19 sozusagen von alleine.
In modernen = heutigen Zeiten heißt das vor allem, die Touristen kommen, ohne dass man besonders viel Werbung dafür machen muss - die „Aura Freud“ funktioniert quasi automatisch.
So ist es nicht verwunderlich, dass das Freud Museum in Wien mit den vielen Menschen aus aller Welt, die sich auf die Suche nach Prof. Freud begeben, jährlich ziemlich viel Geld einnimmt. Dies wiederum bedeutet, dass der Eigendeckungsanteil im Budget des Museums ungewöhnlich hoch ist: man kann viel aus eigenem bewältigen, ohne einen Zuschuss von der öffentlich Hand oder privaten Sponsoren einfordern zu müssen. Dieser Umstand macht das Museum auch für die eventuellen Fördergeber – Stadt Wien, Bund – beliebt; schließlich gibt es Häuser, die um mehr Geld betteln kommen müssen, um auch nur den laufenden Betrieb finanzieren zu können.

Was aber bekommt der, oft junge Besucher/die Besucherin im Museum geboten? Womit, anders gefragt, verdient sich das Museum den Eigendeckungsanteil, seine – relative – finanzielle Gutstellung?

Das Museum ist mehr oder weniger in dem Zustand, wie es der kleine, aber rührigen Verein Sigmund Freud Gesellschaft vor 41 Jahren eingerichtet hat. Die ehemalige Praxis von Prof. Freud, im Haus im ersten Stock rechte Tür zeigt die mit Fotos rekonstruierte Einrichtung der Praxis, ein paar versprengte Möbel stehen herum und hinter Plexiglas hängt an der Garderobe ein Stock und ein Hut, die einzigen Objekte, die Freud selbst gehörten. Alles andere ist Platzhalter, Fotos ersetzen die Objekte: es ist ein Leer-Ort, ein Ort, der von der Abwesenheit lebt.

Alles ist in London, die Antikensammlung, die Möbel, Bilder, die Bibliothek, und: enigmatisch-paradigmatisch-ikonographisch: die Couch. Alle wollen die Couch sehen und alle werden in dieser Erwartung enttäuscht – das Londoner Freud Museum beherbergt sie zusammen mit den anderen Haushaltsgegenständen inklusive Anna Freuds Webstuhl, den Urkunden und Erinnerungsstücken, Nippes wie Antiken.

Wien dagegen: 40 Jahre alte Fototapeten.

Das hat natürlich auch eine Stärke, und wenn es hier so klingt, als wäre das abfällig, muss sofort dagegengehalten werden, dass das Gegenteil der Fall ist: die Abwesenheit, die Lücke, ist im Gegenteil die Stärke des Museums. Sie zeigt, ohne den geringsten didaktisch erklärenden Betroffenheitsaufwand wie es ist in Österreich: die Kultur wurde nach England gegangen, die Nazis haben für ihre Vertreibung gut gesorgt und uns bleibt die Lücke.



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